Projekt "Systemsprenger"

Ausgangslage

Anhaltende Streitigkeiten mit den Eltern, Kriminalität, Suchtverläufe oder andere einschneidende Lebensumstände: Unterschiedliche Ursachen können dazu führen, dass Jugendliche in der Obdachlosigkeit leben. Jugendliche auf der Straße stellen besondere fachliche und persönliche Anforderungen an die Gesellschaft, ihr soziales Umfeld und nicht zuletzt an Fachkräfte der Sozialen Arbeit.

So gibt es auch in Deutschland in den großen Städten entsprechende Angebote für Jugendliche ohne feste Bleibe. Notschlafstellen, Streetwork oder niedrigschwellige Beratungsangebote sind neben gezielten Projekten nur einige Angebote. Aber welche Angebote können betroffene Jugendliche überhaupt in Anspruch nehmen? Wie sieht die Gesetzeslage bei bestimmten gesundheitlichen oder auch persönlichen Fragestellungen aus? Welche finanziellen Leistungen stehen obdachlosen Jugendlichen zu? Was, wenn Jugendliche durch alle unterstützenden sozialstaatlichen Raster fallen und die pädagogische Arbeit mit ihnen zu einer persönlichen Herausforderung, ja einem Drahtseilakt wird? Welche Möglichkeiten bleiben fachlich-, zielorientierter und reflektierter Sozialer Arbeit im Kontext sogenannter „Systemsprenger:innen?


Projektbeschreibung

Die Hochschule Rhein Main kooperiert in diesem Projekt mit EVIM (Evangelischer Verein für Innere Mission in Nassau). Der regionale Träger EVIM entwickelte unterschiedliche niedrigschwellige Angebote für Jugendliche in Obdachlosigkeit oder solche, die davon bedroht sind. So sind zum Beispiel Notschlafstellen in Taunusstein, Wiesbaden oder Mainz zu nennen oder „upstairs“. Hinter „upstairs“ verbirgt sich ein buntes Wohnmobil, welches gegenüber dem Wiesbadener Hauptbahnhof zu finden ist. Hier finden junge Menschen in Not einen Ort, an welchem sie ohne Vorleistung unterschiedlichste niedrigschwellige Hilfeleistungen erhalten können.

Über Biografien betroffener Jugendlicher, der fachlich-konzeptionellen Entwicklung von Angeboten der Jugendhilfe – insbesondere am Beispiel von EVIM – und den entsprechenden theoretisch-methodischen Brillen aus der Profession Sozialer Arbeit unter Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedingungen bearbeiten wir drei projektierte Fragestellungen in enger Zusammenarbeit mit Vertretern der regionalen Praxis.
(Foto: depositphotos)

Hochschule RheinMain
Prof. Dr. Carsten Homann, Vertretungsprofessor Dr. Ralf Hamman, Sarah Meyer

EVIM Jugendhilfe
Patrick Lahr, Claudia Grilletta, Simone Wittek-Steinau

Teilprojekte

Teilprojekt 1

Klienten verstehen lernen: „Sag mal, wo kommst du denn her?“

Biografiearbeit: Collage zu Geschichten, Lebensläufe und Hintergründe von jungen Wohnungslosen exemplarisch rausarbeiten, um zu zeigen, dass Obdachlosigkeit kein Schema F kennt.

Federführung: Claudia Grilletta

Teilprojekt 2

Partizipation und gelingende Unterstützung: „Und warum sollen die da jetzt mitreden können?“

Konzept für einen Workshop mit Fachkräften zum Thema „Reflexion der inneren Haltung“

Federführung: Patrick Lahr

Teilprojekt 3

Institutionelle Übergänge und interdisziplinäre Zusammenarbeit: „Und wie kann das jetzt funktionieren?“

Ein Arbeitspapier zum „idealen Weg“ zwischen den Zuständigkeiten der Leistungsträger und Leistungserbringer soll erarbeitet werden.

Federführung: Prof. Carsten Homann

Hinter den Kulissen

oder: Wie alles begann...

„Nach so vielen Jahren einen Film zu erleben wie den Film „Systemsprenger“ und dabei noch die zahlreichen Kolleg:innen aus den angrenzenden Disziplinen zu treffen, hat mich tief beeindruckt. Dieses Ereignis, bei dem wir Fachleute aufeinander neugierig geworden sind, war zugleich Auftakt für weitere Kooperationen. Es folgte ein Treffen mit Prof. Christian Schütte-Bäumner, Prof. Kathrin Witek und Prof. Carsten Homann und ein erstes vorsichtiges Ausloten der Zusammenarbeit mit der Hochschule RheinMain. Daraus entstand freitagnachmittags eine kreative Runde mit Prof. Carsten Homann. Unser gemeinsames Grundverständnis – das Kind steht im Mittelpunkt – führte zu konkreten Planungen und schließlich zur Suche nach Lehrkräften für das Praxissemester des Studiengangs Soziale Arbeit – Recht und Management zum Thema Systemsprenger. Aus unserer Sicht kamen dafür die verantwortlichen Leitungen des Angebots „upstairs“, dem Projekt zur Versorgung junger Menschen in Not, in Frage. So entstand unsere Arbeitsgruppe aus Lehrkräften der Hochschule und Mitarbeiter:innen der EVIM Jugendhilfe, um ein erstes Curriculum zu erstellen.

Trotz Corona und ausschließlichem Digitalunterricht waren die Arbeitsergebnisse am Ende beeindruckend erfolgreich. Lehrende und Studierende waren gleichermaßen stolz!

Im laufenden Semester findet das Praxissemester mit neuen Studierenden seine Fortsetzung, ebenfalls zum Thema Systemsprenger, aber mit anderen Schwerpunkten. Wie bereits im Semester zuvor, erarbeiten die Student:innen Instrumente und Handreichungen für die Praxis. Ein fruchtbarer Ansatz: die Studierenden lernen sozusagen in Echtzeit und die Fachwelt profitiert von Handreichungen, Workshops, Umfragen etc. Hier wird nicht für den Papierkorb produziert.“

Simone Wittek-Steinau, EVIM Jugendhilfe Referentin Personalentwicklung und Kooperation, Projektkoordination